GASTBEITRAG: Kinderlos – aber keine Karrieristin

Thema Kinderlosigkeit

Mutterschaft ist ein gewichtiges Thema, das Frauen unmittelbar mit gesellschaftlichen Zwängen, eigenen Ansprüchen und den Rollen-erwartungen ihres Umfelds konfrontiert. Um die Vielschichtigkeit dieser lebensverändernden Entscheidung zu verdeutlichen, habe ich junge Frauen gebeten, ihre Sicht auf das Thema anonym in Gastbeiträgen zu vermitteln. Sie laden dazu ein, über eigene Muster und Denkweisen zu reflektieren:

In Wahlkampfzeiten werden Lebensmodelle besonders offensiv zur Schau getragen: Da ist schon mal von kinderlosen Karrieristen und elterlicher Verantwortung für unseren Staat die Rede. Ich kann diese unbedachten Floskeln nicht mehr hören, denn sie treffen einen wunden Punkt.

Mit fast 35 Jahren ist bei mir manches anders gekommen, als geplant: Mit meinem Partner, mit dem ich seit über einem Jahrzehnt das Leben teile, habe ich zwar schon in frühen Jahren unserer Beziehung Baby-Strampler für den späteren Nachwuchs gekauft – aber der richtige Zeitpunkt zur Familiengründung kam nicht: Einerseits weil wir damit beschäftigt waren, unsere Leben zu ordnen, zu schätzen und zu genießen. Andererseits, weil mein körperlicher Zustand es in den letzten Jahren schlichtweg nicht zuließ.

Es würde schon noch besser werden, lautete mein Credo. Die Medizin macht Fortschritte. Es wird geforscht. Tatsächlich ist in den vergangenen Jahren viel gelungen. Doch neben dem Zweifel, ob mein Körper eine Schwangerschaft verkraften würde, nagt auch eine Frage an mir: Wie wäre es, meine Erkrankung an mein Kind weiterzugeben?

Ich habe mich in den vergangenen Jahren entsprechend intensiv mit dem Thema Elternschaft auseinandergesetzt – und begonnen, mich mit Alternativszenarien zu beschäftigen. Ob es ein definitiver Abschied ist, kann ich heute noch nicht sagen, aber ich befinde mich in einem Prozess, der Auseinandersetzung (mit den eigenen hormonellen Grundstimmungen, Bedürfnissen und Lebensfragen) erfordert.

Dass ich als Frau Mitte 30 von Gesellschaft wie unmittelbaren Sozialkontakten immer wieder – und gern zu unpassendsten Zeiten – mit dem Thema konfrontiert werde, ist dabei nicht hilfreich: Denn ich bin müde zu erklären, warum wir eine gut funktionierende Partnerschaft, aber keine Kinder haben. Ich will nicht mehr in die Schublade „zu karriereorientiert“ gesteckt werden. Und ich habe es satt, meine persönliche Situation immer wieder zu erklären und meine Perspektive aufs Thema Adoption abendfüllend zu erläutern. Letztlich geht meine Entscheidung nur eine Person an – meinen Partner.

Bei sich selbst zu bleiben, ist allerdings schwer, wenn das Umfeld Antworten auf Fragen erwartet, die man noch hart mit sich verhandelt. Aber eins weiß ich definitiv: Es gibt in dieser Frage kein Schwarz oder Weiß, kein Richtig oder Falsch: Ich bin keine Karrieristin, weil ich meinen Job liebe. Ich bin nicht weniger fürsorglich oder verantwortungsbewusst, weil mir die Erfahrung Mutterschaft fehlt. Und mein Wert als Mensch bemisst sich nicht an der Zahl der Kinder, die ich zur Welt bringe. Ich wünsche mir daher – für mich, für andere Frauen und für unsere Gesellschaft –, dass die Zeit des offensiven Fragens endet und jede Antwort auf Wohlwollen stößt.